Übersetzerei

Von Schränken und Skeletten

Wisst ihr, worüber wir schon lange nicht mehr gesprochen haben? Übers Übersetzen. 🙂

Da Corinna und ich tagsüber damit beschäftigt sind, englische Unterhaltungsliteratur ins Deutsche zu übertragen, widmen wir die Abende häufig der „Fortbildung“. Das heißt, wir schauen uns an, wie andere Verlage ihre Bücher ins Deutsche übersetzen oder in welchem Stil deutsche Autoren schreiben. Da kann man häufig noch viel dazulernen, aber manchmal hilft es auch dabei, Dinge zu erkennen, über die man als Leser möglicherweise stolpert.

Ein typisches Beispiel sind Redewendungen aus dem Englischen. Manche davon lassen sich 1:1 übertragen.

„An eye for an eye, a tooth for a tooth“ — „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das sagen wir im Deutschen genauso.

Einige sind leicht abgewandelt. So heißt das deutsche „Hals- und Beinbruch“ auf Englisch zum Beispiel einfach „Break a leg!“ Der Genickbruch wird dem Ärmsten erspart.

Und dann gibt es Sprichwörter, die in der anderen Sprache so gar keinen Sinn ergeben, wenn man sie wörtlich übersetzt. Spontan fällt mir da das „free from the liver away“ von Günther Oettinger ein.

Doch es gibt auch Grauzonen: Man versteht den Sinn, hört aber noch das englische Sprichwort durch. Vielleicht hätte es eine bessere deutsche Variante gegeben. Das oben gezeigte Beispiel habe ich absichtlich anonymisiert, denn es geht mir nicht darum, mit dem Finger auf Kollegen zu zeigen oder mich über Übersetzungen lustig zu machen. Übersetzen bedeutet nämlich, sich für eine Lösung zu entscheiden und dann damit unglücklich zu sein. 🙂 Häufig fällt einem erst nach dem Abgabetermin eine bessere sprachliche Lösung ein. Oder man empfindet die eigene Übersetzung eigentlich als geglückt und merkt gar nicht, dass sie vielleicht beim Leser gar kein rundes Bild auslöst. Leider sind wir da keine Ausnahmen.  🙂

Bleiben wir mal beim obigen Beispiel:

Der junge Mann erklärt seinem Freund, seine Verlobte habe „keine Skelett im Schrank“. Habt ihr verstanden, was damit gemeint ist? Ich bin mir sicher, dass hier im Englischen „no skeleton in the closet“ stand. ABER: In Deutschland schaffen wir unsere Skelette nicht in den Schrank, sondern in den Keller. 🙂 Daher lautet die gängige deutsche Redewendung eigentlich: „Sie hat keine Leichen im Keller.“

Und dann gibt es da noch persönliche Präferenzen. Zum Beispiel liest man im Deutschen inzwischen auch häufig, etwas sei „nur einen Steinwurf weit entfernt“. Handelt es sich um eine Übersetzung, stand da im Englischen sicherlich „a stone-throw away“. Wisst ihr noch, wie man das früher nannte? Einen „Katzensprung entfernt“. Liest man das noch irgendwo?

Welche Beispiele fallen euch noch ein, und welche Redewendungen haben sich inzwischen aus dem Englischen etabliert? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen!

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