Bücher Übersetzerei

Frag die Übersetzerin 3

Diese Woche beantworte ich eine Frage von Franziska:

Wie läuft das denn bei Übersetzungen im Team? Die Sprache muss von Niveau und gewählten Worten ja gleich bleiben. Wie schafft Frau es, dass es dann gleich klingt für die Leserschaft?

Das ist eine sehr gute Frage! Da hole ich erst mal ein bisschen aus. Gemeinschaftsübersetzungen sind gar nicht so unüblich. Welche Gründe gibt es, eine Buchübersetzung auf mehrere Übersetzerinnen aufzuteilen? Zum einen ganz pragmatische, wie zum Beispiel Zeit. Manchmal sollen Bücher recht schnell übersetzt werden oder der Wunschübersetzer hat erst später Zeit bzw. schon einen Folgeauftrag, der ihm nicht genügend Zeit für das gesamte Projekt lässt. Dann wird meistens eine Teamübersetzung daraus. Zum anderen kann eine Gemeinschaftsübersetzung auch stilistische Gründe haben, zum Beispiel, wenn ein Autor das Genre wechselt, seine bisherige Übersetzerin in dem neuen Genre aber noch nicht so sattelfest ist bzw. einige neue Akzente in der Sprache gesetzt werden sollen. Auch dann kann man ein Team an den Text setzen, das in den meisten Fällen aus zwei Übersetzern besteht.

Mit Corinna Wieja habe ich zwei Bücher co-übersetzt: „Vor uns das Leben“ und „Unendlich wir“ von Amy Harmon (LYX Verlag). Nicht mal die Lektorin konnte sagen, ob, wie und wo wir den Text geteilt hatten. Das ist ein gutes Zeichen, oder? Und auch von den Lesern kam diesbezüglich keine Kritik. Bei diesen beiden Büchern haben wir es so gemacht, dass wir beide parallel übersetzt und auch gleichzeitig auch den Text der anderen gelesen haben, damit am Ende ein stimmiges Ganzes dabei herauskommt. Mit Corinna arbeite ich sehr viel zusammen, ich kenne ihre Art zu schreiben und sie kennt meine. Das ist ein immenser Vorteil. Darüberhinaus haben wir auch Listen zu bestimmten Begriffen geführt und uns sogar bei Kleinigkeiten wie „er zuckte mit den Achseln“ oder „er zuckte mit den Schultern“ abgesprochen, damit nicht — übertrieben gesagt — eine Person in der ersten Hälfte des Buches immer mit den Achseln zuckt, in der zweiten aber mit den Schultern. DAS würde dem Leser garantiert auffallen.

 

(Coverrechte: LYX/ Bastei Lübbe)

Ich kenne einige Übersetzerinnen, die immer im Team arbeiten, einfach, weil sie diese Art des Arbeitens nicht mehr missen wollen.

So. Jetzt kommen wir zum MISTER.

„The Mister“ von E L James wurde von sechs Übersetzerinnen übersetzt. Bei „Darker“, dem letzten Buch aus der Fifty-Shades-of-Grey-Welt, waren es

Coverrechte: Goldmann Verlag

noch fünf. Ich war also die Neue im Team. 🙂 Neulich fragte mich jemand, ob alle Übersetzerinnen das gesamte Buch übersetzt haben und sich der Verlag dann die beste Version ausgesucht hat. Das wäre für den Verlag kein besonders gutes Geschäft gewesen. Tatsächlich haben wir auch beim MISTER mit Textteilen gearbeitet. Und hier kommen wir auf Franziskas Frage zurück: Wie schafft man es, dass alle diese Textteile am Schluss wie aus einem Guss wirken?

Auch hier lautet die Antwort wieder: Man muss sich richtig, richtig gut und viel absprechen. Bestimmte Begriffe, Akzente, Schreibweisen ja sogar Gesten wie oben beschrieben, all das landet auf einer großen Liste und alle dürfen ihre Meinung dazu sagen. Auch die Lektorinnen und die Cheflektorin im Verlag sind involviert. Ein sehr interessantes Interview dazu findet hier übrigens hier. Um einmal Cheflektorin Barbara zu zitieren: Obwohl die Übersetzerinnen, die Redakteurinnen und ich an ganz verschiedenen Orten arbeiten, waren wir wie eine große Familie am Küchentisch.

Bei Teamübersetzungen muss man sich außerdem als Übersetzerin ein wenig zurücknehmen können. In der Regel arbeiten sowieso nur Kolleginnen zusammen, die sich vom Schreibstil her ähneln. Da ist seitens des Verlags Fingerspitzengefühl und ein gutes Händchen gefragt. Es sei denn, man sucht bewusst nach Kontrasten wie beim obigen Beispiel mit dem Genrewechsel. Und dann muss man als Übersetzer auch teamfähig sein, erkennen, wo man lieber ein wenig näher am Text bleibt, damit nicht jeder Übersetzer wild in eine andere Richtung lossteuert, sondern am Ende alle dieselbe Richtung einschlagen. Zum Schluss gehen noch einmal die beiden Redakteurinnen mit der Lupe über den Text und gleichen an und bessern aus. Das Ergebnis: ein echtes Gemeinschaftswerk. 🙂

Noch Fragen? Dann fragt die Übersetzerin! 🙂

Meine anderen Posts zum #FrageFreitag findet ihr hier:

Frag die Übersetzerin

Frag die Übersetzerin 2

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3 Comments

  • Reply
    Franziska
    Juni 22, 2019 at 7:59 am

    Danke dir, das war wirklich hilfreich für mein Hirn!

    • Reply
      Jeannette
      Juni 27, 2019 at 5:35 am

      Das freut mich! Falls du noch weitere Fragen hast – immer her damit. 🙂

  • Reply
    Thorsten J. Pattberg
    Juli 12, 2019 at 10:46 pm

    Was die einen Teamübersetzungen nennen, nennen die anderen multiple editors. Die Verlage sparen an der Redaktion, weil die zwei, drei Übersetzer ja im Team schon weitestgehend gleich miteditieren und gegenseitig Proof lesen. Ja, so eine Buchpublikation ist ganz schön mechanisiert. Das ist wie ein Getriebe. Es arbeiten oft bis zu 10 Leute an einem Manuskript, von der Aquisation zu den Beta-Lesern, hin zu den Übersetzern bis hin zum Proofread. Da ist Kommunikation, wie im Interview beschrieben, wirklich alles! Ein sehr guter Beitrag. Weiter so!
    Thorsten J. Pattberg, Autor der Lehre vom Unterschied

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