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Adventskalendertürchen 13

Wer neulich Lust auf die Miss-Fortune-Krimis bekommen hat, kann heute exklusiv das erste Kapitel von „Weg vom Schuss“ bei uns lesen! Das Buch ist momentan nicht verfügbar, wird aber im Januar wieder erhältlich sein. Alle wichtigen Informatione sowie viel „Bonusmaterial“ erhaltet ihr in der Facebookgruppe zu Jana DeLeons Büchern. Hier noch einmal der Link: https://www.facebook.com/groups/328726261059721/

Weg vom Schuss

Weitab vom Schuss erlebt die CIA-Agentin Fortune Redding ihre schwierigste Mission: Weil ein Waffenhändler ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt hat, muss sie kurzfristig im Provinzkaff Sinful in Louisiana untertauchen. Ihr Chef will sie ausgerechnet als ehemalige Schönheitskönigin und Bibliothekarin tarnen, obwohl sie weder mit Schminke noch mit Büchern etwas am Hut hat. Womit Fortune nicht rechnet: dass eine Leiche auftaucht, noch ehe sie ihren Koffer ausgepackt hat. Und schon steckt sie mit zwei harmlos aussehenden alten Damen, die es faustdick hinter den Ohren haben, mitten in einer Ermittlung. Noch dazu fängt der viel zu attraktive Deputy Sheriff der Stadt an, unbequeme Fragen zu stellen. Um ihre Tarnung zu retten, muss Fortune den Mord aufzuklären, bevor es zu spät ist.

„Humor und Südstaatenflair vom Feinsten.“ – NYT-Bestsellerautorin Gemma Halliday

Kapitel 1

Kurz vor Sonnenaufgang verließ ich auf einem Privatflughafen den Learjet. Genau siebzehn Stunden, sechsundzwanzig Minuten und vierzehn Sekunden hatte ich im Flugzeug verbracht, und ich trug immer noch dasselbe Achthundert-Dollar-Kleid, in dem ich fünfundzwanzig Stunden zuvor einen Mann getötet hatte. Einer meiner Schuhe war auf Nimmerwiedersehen in der Wüste verschwunden. In der rechten Hand hielt ich die Überreste des anderen, und in der linken meine Neunmillimeter. Achthundert-Dollar-Kleider gab es offensichtlich nicht in der Ausführung mit Taschen oder unauffällig eingenähten Holstern, und mein Dekolleté war nicht üppig genug, um sich als Versteck für eine Waffe zu eignen.

Neben der Landebahn wartete ein schwarzer Cadillac DTS mit getönten Scheiben. Ich holte tief Luft und ging darauf zu, wobei ich mich innerlich für den Anschiss wappnete, der mich mit absoluter Sicherheit erwartete. Doch als ich die Tür öffnete und mich auf den Beifahrersitz fallen ließ, saß nicht wie erwartet ein wütender Mann mit Halbglatze hinter dem Steuer. Stattdessen blickte mir eine leicht übergewichtige afroamerikanische Frau um die fünfzig entgegen.

„Mädchen, diesmal steckst du richtig in der Tinte“, begrüßte mich Hadley Reynolds, die Assistentin des CIA-Chefs.

„Hat er einen Herzinfarkt bekommen, als er es erfahren hat?“, fragte ich und wunderte mich, dass der Director Hadley geschickt hatte. „Ich bin davon ausgegangen, dass er mich höchstpersönlich hier erwartet, um mich zu überfahren.“

„Es gab da einen Moment während des Anrufs, wo ich dachte, ihn trifft der Schlag. Sein Gesicht ist so rot angelaufen, dass es aussah, als würde er jeden Moment umfallen. Doch dann ist er hinausgestürmt und hat gebrüllt, dass ich dich abholen und sofort zu ihm bringen soll.“

Seufzend verabschiedete ich mich von dem Gedanken an ein richtiges Essen und vernünftige Kleidung. Der Flieger war ausschließlich mit gesunden Nahrungsmitteln bestückt gewesen und es hatte keinen einzigen Tropfen Alkohol gegeben. „Dann brauche ich dich wohl nicht erst zu fragen, ob wir unterwegs für einen Burger und einen Sechserpack Bier anhalten können?“

„Es ist sechs Uhr morgens.“

„Nicht im Nahen Osten“, hielt ich dagegen.

„Wir sind hier in Washington, D. C., nicht in einem überdimensionalen Sandkasten. Außerdem findet euer Treffen in einem Café statt. Dort bekommst du so viel Fett und Kohlenhydrate, wie dein Herz begehrt.“ Hadley sah an sich herunter und blickte dann stirnrunzelnd herüber zu mir. „Du weißt, dass ich nur selten um etwas bitte, und ich werde weiß Gott niemals in eins dieser Kleider in Größe vierunddreißig passen, in die sie dich immer stecken, aber warum kannst du die Schuhe nicht besser behandeln?“

Ich betrachtete den kläglichen Überrest meines Prada-Schuhs und bekam Gewissensbisse. Als ich die Schachtel in der CIA-Zentrale geöffnet hatte, war Hadley beinahe in Ohnmacht gefallen. Sie hatte die Schuhe so verzückt betrachtet, ich hatte geradezu Herzchen in ihren Augen gesehen. Meine Reaktion war nicht ganz so begeistert ausgefallen. „Tut mir leid.“

Hadley blickte mich skeptisch an.

„Wirklich! Die ganze Situation lief ein bisschen aus dem Ruder. Ich hatte nicht vor, die Schuhe zu ruinieren.“

Seufzend tätschelte mir Hadley das Knie, wie sie es schon getan hatte, als ich noch ein kleines Mädchen gewesen war. „Das weiß ich doch, aber du gerätst ständig in solche ‚Situationen‘. Eines Tages werde ich dich womöglich in einem Sarg abholen müssen.“

„Ich mache nur meinen Job.“

„Diese Art Risiken gehört nicht zu deinem Job, das weißt du genau.“ Sie schwieg einen Moment. „Du musst niemandem etwas beweisen … weder ihm noch jemand anderem.“

Ich nickte nur und starrte zum Fenster hinaus, da ich keine Diskussion über meinen Vater, den „ihm“ aus ihrem letzten Satz, führen wollte. Obwohl ich erst fünfzehn gewesen war, als er starb, sah ich ihn immer noch vor mir, wie er kopfschüttelnd auf mich herabblickte. Dummerweise konnte ich ihm das nicht mal übel nehmen. Der CIA-Superagent Dwight Redding hatte niemals einen Fehler gemacht, nie seine Tarnung auffliegen lassen und nie jemanden getötet, der nicht auf der Abschussliste stand.

Dwight Redding war perfekt gewesen. Das Aushängeschild der CIA.

Ich riss mich aus meinen Erinnerungen und konzentrierte mich auf die aktuelle Situation. „Warum treffen wir uns in einem Café?“

„Das hat der Director für sich behalten.“

Ich musterte Hadley, doch ihre Miene verriet, dass sie die Wahrheit sagte, was mir nur noch mehr Sorgen bereitete. Wenn sich Director Morrow außerhalb der CIA-Zentrale mit mir treffen wollte, konnte das nur eins bedeuten – er wollte mich entlassen.

Ich holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus, um mich auf meine Verteidigungsrede vorzubereiten. Am besten brachte ich die schnell an, bevor er zu Wort kam. Vielleicht konnte ich an sein Mitgefühl appellieren. Ja, das war eine gute Idee. Natürlich musste ich dazu erst herausfinden, womit man bei ihm Mitgefühl auslösen konnte. Und das, noch bevor wir das Café erreichten. Die letzten acht Jahre hatten mir jedenfalls keinen einzigen Hinweis darauf geliefert.

Hadley bog plötzlich scharf ab und hielt vor einem schäbigen Gebäude, auf dessen dreckiges Schaufenster jemand mit Farbe das Tagesangebot geschmiert hatte. „Bist du sicher, dass er mich nicht umbringen will?“, erkundigte ich mich nach einem raschen Blick auf die Umgebung. Wir befanden uns in einer Gegend, wo plötzliche Schüsse niemanden aus der Ruhe bringen würden.

Hadley seufzte. „Falls dich der Director nicht umbringt, dann bestimmt das Essen da drin.“

„Danke für den Zuspruch.“ Ich stieg aus, wobei ich den kaputten Schuh im Auto zurückließ, und betrat das Café.

Ich entdeckte Director Morrow sofort. Er saß mit einem anderen Agenten, Ben Harrison, in einer Nische im hinteren Teil des Gastraums. Bis auf die beiden war das Café komplett leer. Bei meinem Anblick runzelte Morrow die Stirn. Als er bemerkte, dass ich barfuß war, stürzte er das Wasser aus seinem Glas auf einen Zug hinunter. Ich versuchte, von Harrison einen stummen Hinweis auf Morrows Gemütszustand zu erhalten, doch der schüttelte nur unauffällig den Kopf. Das war kein gutes Zeichen. Verteidigungsmodus an.

„Ich musste ihn töten“, begann ich, sobald Harrison aufgestanden war, damit ich mich Morrow gegenüber in die Nische setzen konnte. „Mir blieb keine Wahl.“

Harrison machte ein ersticktes Geräusch, setzte sich neben mich und tat so, als hätte er einen Hustenanfall.

„Ihre Personalakte strotzt nur so von diesen Situationen, in denen Sie ‚keine Wahl‘ hatten. Im Vergleich zu Ihnen wirkt Attila der Hunnenkönig wie ein Pazifist.“

„Aber er hatte vor, das Mädchen an den Scheich zu verkaufen. Sie war erst zwölf und …“

„Das ist mir egal! Und wenn es siamesische Zwillinge mit Welpen gewesen wären! Man lässt niemals seine Tarnung auffliegen, Redding!“ Er hielt zwei Finger hoch. „Zwei Jahre Arbeit in weniger als einer Minute zunichtegemacht. Das ist ein neuer Rekord.“

„Ich kann das ausbügeln. Schicken Sie mich einfach wieder zurück.“

„Wie genau stellen Sie sich das vor? Ihre Aufgabe war es, dem Dealer schöne Augen zu machen. Sie sollten nichts weiter tun als das Geld abliefern, die Drogen kassieren und abhauen. Aber nein, Sie mussten ja den Bruder vom Boss umbringen … Glauben Sie wirklich, ein Waffenhändler, der seine Frau erschossen hat, weil sie ihm während American Idol die Sicht auf den Fernseher versperrte, verzeiht Ihnen so einfach den Mord an seinem einzigen Bruder?“

„Ganz abgesehen davon“, warf Harrison ein, „dass nur wenige Frauen herumlaufen und Leute mit ihren Schuhen töten. Er hat sich vermutlich längst zusammengereimt, dass du kein ahnungsloses Dummchen auf der Suche nach einem reichen Lover bist.“

Ich warf Harrison einen bösen Blick zu. Er schien immer nur redselig zu werden, wenn es um mich und meine Fehler ging. „In dem nuttigen Kleid, das ich tragen musste, konnte ich leider keine Waffe verstecken. Und der Schuh hatte einen spitzen Absatz. Wofür sollte der sonst gut sein?“

„Mensch, Redding.“ Harrison lachte. „Hast du denn noch nie einen Film gesehen, eine Werbung in einer Zeitschrift oder eine Frau in der Öffentlichkeit? Stilettos sind bei Menschen mit Doppel-X-Chromosom recht beliebt.“

„Was erklärt, warum du das weißt und ich nicht. Dann spiel du doch bei der nächsten Mission das dumme Blondchen! Du bist dafür offensichtlich besser geeignet als ich.“

„Es wird keine nächste Mission geben“, unterbrach Morrow unseren Streit.

Erschrocken blickte ich dem Director ins Gesicht. „Sie wollen mich feuern? Das dürfen Sie nicht!“

„Das dürfte ich schon, wenn ich das wollte, aber darum geht es hier nicht. Wir haben heute Morgen die Nachricht erhalten, dass Ihr Foto an jeden Drogen- und Waffenhändler geschickt wurde, der mit Ahmads Organisation Geschäfte macht. Er bietet eine Million Dollar für denjenigen, der ihm Ihre Leiche bringt. Zehn Millionen, falls man Sie lebend fängt.“

„Verdammt.“ Harrisons Streitlust war wie weggeblasen.

Ich spürte, wie mir alle Farbe aus dem Gesicht wich, und versuchte angestrengt, die Fassung zu bewahren. „Na und? Das ist nicht das erste Mal, dass auf einen Agenten ein Kopfgeld ausgesetzt wird.“ Hoffentlich klang meine Stimme sicherer, als ich mich fühlte.

Morrow schüttelte den Kopf. „So einen extremen Fall haben wir bisher noch nicht gehabt. Einer der größten Waffenhändler unserer Zeit hat Ihren Tod ganz oben auf seine Prioritätenliste gesetzt. Mir bleibt keine Wahl, ich muss Sie verschwinden lassen.“

„Ich gehe auf keinen Fall ins Zeugenschutzprogramm. Die stecken mich nach Idaho und zwingen mich, als Kassiererin zu arbeiten.“

„Das Zeugenschutzprogramm kommt nicht infrage, da sind wir uns einig. Aber nicht, weil es mich interessiert, welchen neuen Beruf Sie ausüben sollen.“ Morrow beugte sich vor, seine Miene spiegelte eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, Sorge und einer winzigen Spur Angst. Es war Letzteres, was mir den Atem stocken ließ.

„Wir haben eine undichte Stelle“, erklärte Morrow leise. „Ich weiß nur, dass aus der CIA Informationen nach außen dringen, aber ich habe keine Ahnung, wie weit nach oben dieses Leck reicht.“

Ich versuchte zu begreifen, was ich gerade gehört hatte. Das war unmöglich. Ein Verräter in unseren Reihen?

„Das kann nicht sein!“ Harrison sprang auf und lief vor der Nische auf und ab. „Das glaube ich nicht!“

Morrow seufzte. „Ich wollte es anfangs auch nicht glauben, aber tatsächlich hat jemand Ahmads Leute schon über Redding informiert, bevor sie das Schiff überhaupt betreten hatte. Die ganze Sache mit dem Mädchen war abgekartet und sollte Redding dazu zwingen, ihre Tarnung auffliegen zu lassen, damit sich Ahmad sicher sein konnte. Dass sie keine Waffe dabeihatte, wussten die, doch offensichtlich haben sie unterschätzt, wie gefährlich sie in High Heels sein kann.“

„Shit.“ Harrison ließ sich zurück auf die Bank fallen.

Morrow blickte zwischen Harrison und mir hin und her. „Sie beide wissen, dass die Informationen über diesen Einsatz nur aus unserem Büro stammen können. Laut unseres Informanten sollte Redding das Schiff nie lebend verlassen. Und dieser Schuhvorfall hat den Einsatz in geradezu astronomische Höhen getrieben.“

„Sie könnte sich das Gesicht umoperieren lassen“, schlug Harrison vor. „Das wird doch dauernd gemacht, nicht wahr?“

„Auf keinen Fall!“, protestierte ich.

Morrow hielt eine Hand hoch, um unseren aufkeimenden Streit zu beenden. „Sie haben wohl zu viele Hollywoodfilme gesehen. Plastische Chirurgie kann weder ihre Größe noch ihre Knochenstruktur verändern, jedenfalls nicht ausreichend. Ahmad verfügt über die modernste Technik. Sobald eine seiner Kameras irgendwo ein Foto von ihr aufnimmt, wird ein Abgleich der Knochenstruktur ihn sofort zu Redding führen. Außerdem bliebe dann immer noch das Problem mit dem Spion in unseren Reihen. Das Risiko dürfen wir nicht eingehen.“

„Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte ich, weil mir der Ernst der Lage allmählich bewusst wurde. „Ihrer Meinung nach bin ich nicht mal im CIA-Hauptquartier sicher? Wo soll ich denn hingehen?“

Morrow schob mir über den Tisch eine Akte zu. „Ich habe da eine Idee“, erklärte er zögernd. „Es wäre allerdings nicht offiziell. Nur ich, Sie und Harrison wüssten davon. Deshalb habe ich mich heute mit Ihnen beiden hier getroffen. Ich kann sonst niemandem vertrauen, und möglicherweise ist mein Büro verwanzt.“

Harrison blickte zu mir herüber und nickte dann. „Was auch immer Sie für richtig halten, Sir. Sagen Sie einfach, was ich tun soll.“

„Von Ihnen verlange ich nichts weiter, als dass Sie den Mund halten und diese Informationen abspeichern, falls mir etwas zustößt. Aus offensichtlichen Gründen wird es keine Aufzeichnungen darüber geben. Redding andererseits wird sich ein bisschen mehr anstrengen müssen, um die Sache durchzuziehen.“

„Was durchziehen?“

„Meine Nichte hat gerade ein Haus von ihrer Großtante mütterlicherseits geerbt. Geplant war, dass sie den Sommer dort verbringt, die Sachen im Haus durchsieht und alles für den Verkauf vorbereitet. Sie ist noch nie dort gewesen und meines Wissens war die Tante nicht unbedingt von dem Schlag, der überall Fotos aufstellt. Daher besteht nur ein sehr geringes Risiko, dass jemand etwas bemerkt.“

„Was genau bemerkt?“

Morrow stieß den Atem aus. „Ich werde meine Nichte den Sommer über nach Europa schicken, und Sie sollen stattdessen nach Louisiana fahren und sich für sie ausgeben. Es ist die perfekte Tarnung. Niemand wird dort nach Ihnen suchen, und keiner dort kennt meine Nichte. Die Leute wissen nur, dass sie irgendwann im Sommer auftauchen wird, um die Erbschaft zu regeln.“

„Louisiana … reden wir hier von Sümpfen und Alligatoren und Hinterwäldlern?“

„Ich rede von einer Kleinstadt mit liebenswerten Menschen und einem entschleunigten Leben. Es ist doch nur, bis wir Ahmad unschädlich gemacht haben. Seine Rachegelüste gegen Sie sind persönlicher Natur. Sobald er die Organisation nicht mehr anführt, wird sich niemand mehr für Sie interessieren.“

Meine Gedanken rasten. „Aber das könnte Wochen oder sogar Monate dauern! Sie können doch nicht von mir erwarten, dass ich solange mitten im Sumpf wohne! Was um alles in der Welt soll ich denn dort machen? Vermutlich gibt es nicht mal Kabelfernsehen. Haben die überhaupt schon Strom? Oh mein Gott, ist das nicht da, wo sie den Film ‚Beim Sterben ist jeder der Erste‘ gedreht haben?“

Morrow warf mir einen genervten Blick zu. „Sie sind schon tagelang nur mit einem Gewehr und einer Flasche Wasser durch die Wüste gekrochen. Erzählen Sie mir nicht, dass einige ältere, weißhaarige Damen und ein paar Moskitos plötzlich Ihr Ende bedeuten. Das wird im Vergleich zu Ihrem sonstigen Alltag der reinste Urlaub.“

Er deutete auf die Akte. „Darin finden Sie einige Hintergrundinformationen über meine Nichte. Ihre Tante hat vermutlich ab und zu über sie gesprochen, daher werden die Leute in der Stadt jemanden erwarten, der dieser Beschreibung entspricht.“

„Was ist mit dem Internet?“, gab Harrison zu bedenken. „Von den meisten Menschen gibt es im Netz eine Menge Fotos.“

Morrow schüttelte den Kopf. „Als sie siebzehn war, hatte sie Probleme mit einem Stalker. Das hat ihr solche Angst gemacht, dass sie seither panisch darauf achtet, nirgendwo im Internet aufzutauchen. Ich habe das bereits überprüft. Es gibt dort keinerlei Informationen über sie.“ Er musterte mich. „Sie müssen morgen abreisefertig sein.“

Ich griff nach der Akte und bemerkte sehr wohl, dass Morrow mir nicht in die Augen schaute, sondern stattdessen die Wand hinter mir anstarrte. Das war kein gutes Zeichen. Als ich die Mappe aufschlug und zu lesen begann, verstand ich auch, warum.

Sandy-Sue Morrow. Oh Gott, allein bei dem Namen bekam ich schon Ausschlag.

Bei den nächsten Zeilen wich mir alles Blut aus dem Gesicht. Schließlich sah ich auf. „Das schaffe ich nicht.“

Harrison, der spürte, dass etwas mächtig im Argen lag, blickte zwischen Morrow und mir hin und her, während er auf eine Reaktion wartete. „Du bist ein Profi“, versicherte er mir. „Eine geniale Undercover-Agentin. Meistens jedenfalls.“

Ich hob die Akte hoch. „Das hier hat mit einem Undercover-Einsatz nichts mehr zu tun. Das hier würde eine Wiedergeburt erfordern.“

„Jetzt übertreiben Sie aber, Redding“, begann Morrow.

„Sie ist Bibliothekarin!“, unterbrach ich ihn. „Mein letzter Lesestoff war ein Artikel darüber, wie man einen Schalldämpfer aus einem Wattestäbchen bastelt, von den Autopsieberichten mal abgesehen.“

„Sie sollen den Inhalt eines Hauses in einer Liste erfassen, keine Bücherei leiten“, betonte Morrow. „Niemand wird Sie um Lesetipps bitten.“

„Ihr Hobby ist Stricken.“

„Dann lernen Sie es halt zur Sicherheit. Würde Ihnen sowieso nicht schaden, wenn Sie mal eine andere Freizeitbeschäftigung hätten, als nur Leute zur Strecke zu bringen.“

Harrison schüttelte den Kopf. „Sir, ob das so eine gute Idee ist? Ich weiß, wie Stricknadeln aussehen. Glauben Sie wirklich, dass man Redding mit einer solchen Waffe in der Hand auf die nichts ahnende Bevölkerung loslassen sollte? Haben Sie schon vergessen, was damals in Ägypten mit dem Bleistift passiert ist?“

„Mach dich nicht lächerlich“, blaffte ich ihn an. „Das war ein Tintenroller, kein Bleistift.“

Morrow räusperte sich. „Ich bin sicher, Redding wird einen Weg finden, sich zu beherrschen.“

Ich warf die Akte zurück auf den Tisch. „Sie ist eine ehemalige Schönheitskönigin!“

„Ach du liebe Zeit!“ Harrison bekam sich vor Lachen gar nicht wieder ein. „Das wird Redding niemand abkaufen. Sehen Sie sie doch an, ihre Haare sind ja sogar kürzer als meine.“

„Meine Frisur ist für meine Arbeit sehr praktisch“, erklärte ich und fuhr mir mit der Hand über die kurzen blonden Stoppeln, die am Vortag noch unter einer sehr warmen Perücke versteckt gewesen waren. „Außerdem sind kurze Haare gerade in.“

„Kurze Haare schon“, bestätigte Harrison. „Aber deine Frisur entspricht der von Britney Spears nach ihrem Nervenzusammenbruch. Die ist weder bei Männern noch in Schönheitsköniginnenkreisen besonders angesagt.“

Ich verdrehte die Augen. „Diese … Person hat im Alleingang die Frauenbewegung um zehn Jahre zurückgeworfen! Stricken? Bibliothekarin? Schönheitskönigin? Bitte sagen Sie mir, dass ich sie als Nächste umbringen darf.“

Morrow stand auf und blickte finster auf mich herab. „Das reicht. Meine Nichte ist eine sehr liebenswerte Frau. Und bis auf Weiteres werden jetzt Sie zu dieser liebenswerten Frau, oder ich erschieße Sie höchstpersönlich.“

„Sie können es ja mal versuchen“, murmelte ich.

„Wie bitte?“

Ich biss mir auf die Lippe und verschränkte die Hände. „Kein Problem.“

„Dann ist es ja gut. Für den Nachmittag habe ich Ihnen eine Reihe Termine gemacht. Sie bekommen künstliche Nägel, eine Pediküre, Haarextensions, und Sie werden lernen, wie man sich schminkt und High Heels trägt, ohne jemanden damit zu töten.“ Er schenkte mir ein strahlendes Lächeln und verließ das Café.

Harrison warf mir einen prüfenden Blick zu und rückte auffällig unauffällig einige Zentimeter von mir ab. Mit der Hand über der Waffe eilte er hinter Morrow zur Tür hinaus.

Künstliche Haare? Künstliche Fingernägel? Jemand sollte mir an die Füße fassen? Oh Gott, womöglich würden sie auch noch die Zehennägel pink lackieren!

Stöhnend legte ich den Kopf auf den Tisch und die Arme darüber. Was vor mir lag, würde schlimmer werden als die Situation damals, als ich einen Drogenbaron mit einem Tic Tac hatte töten müssen.

Und nicht halb so befriedigend.

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