Übersetzerei

Harry Potter und der Stein des Anstoßes – Ist Harry Potter schlecht übersetzt?

In meinem Bücherregal steht eine bunte Auswahl an verschiedenen Editionen der Potter-Reihe, angefangen von Hardcoverausgaben in Deutsch und Englisch bis hin zu den Taschenbüchern und den wunderbaren Schmuckausgaben der vergangenen Jahre. Allerdings haben die deutschen Ausgaben seit ihrem Erscheinen bei den Fans auch für eine Menge Wirbel im Hinblick auf ihre Übersetzung gesorgt, und im Internet gibt es ganze Gruppen und Seiten, die sich ausschließlich mit den „Fehlern“ der deutschen Übersetzung befassen. Da ich selbst Unterhaltungsliteratur aus dem Englischen übersetze, interessiert mich so etwas natürlich immer ganz besonders.

Disclaimer: Ich kenne den Kollegen Klaus Fritz nicht persönlich, sondern beziehe mich hier ausschließlich auf meine eigenen beruflichen Erfahrungen.

 

Ist Harry Potter schlecht übersetzt?

Was muss eine Übersetzung eigentlich leisten? Sie muss Lesern Zugang zu einer Geschichte ermöglichen, den sie zuvor aufgrund von Sprachbarrieren nicht hatten. Leisten die Potter-Übersetzungen das? Das können wir ganz klar bejahen. Außerdem muss sie bei den Lesern dieselben Emotionen hervorrufen wie das Original, auch wenn sie sich dafür manchmal anderer Stilmittel bedient. Auch das ist absolut gegeben.

Was genau wird dann eigentlich beanstandet?

Die Namen

Da gibt es eine ganze Menge Diskussionsstoff, angefangen mit der Entscheidung, einige Namen einzudeutschen. So wurde aus der englischen Hermione eine deutsche Hermine, obwohl Harry und Ron als Namen unverändert blieben. Nun muss man bedenken, dass bei der Übersetzung von Band 1 der Riesenerfolg der Reihe nicht abzusehen war. Niemand wusste, dass es acht Filme und mehrere Vergnügungsparks zu diesem Universum geben würde. Hätte man es gewusst, hätte man die Entscheidung vielleicht noch einmal überdacht. Aber so gehe ich davon aus, dass Übersetzer und Verlag angesichts der Zielgruppe vor allem wollten, dass die Namen im Buch auch für Deutschmuttersprachler aussprechbar wurden, denn das ist gerade bei Kinder- und Jugendbüchern sowie allem, was potenziell vorgelesen wird, ein wichtiges Kriterium. Ron und Harry, das kriegen wir hin. Hermione – da wird es schon schwieriger, daher die Änderung. Doch ist der Name einer Hauptfigur erst einmal festgelegt, kann man ihn in den Folgebänden nicht einfach mehr ändern. Das geht allenfalls bei einer Nebenfigur, die im Verlauf der Serie plötzlich eine viel größere Bedeutung bekommt. Bestes Beispiel: Newt Scamander, der in der ersten Potter-Übersetzung noch „Lurch Scamander“ hieß.

Sirius Black hieß in der ersten Fassung übrigens noch Sirius Schwarz, sogar in der Hörbuchversion mit Rufus Beck. Und noch doller trieben es die Niederländer, die in ihrer Übersetzung nur 13% der Eigennamen beibehielten. Aus Hogwarts wurde zum Beispiel „Zweinstein“, aus Albus Dumbledore „Albus Perkamentus“.

Die meisten englischen Eigennamen blieben in der deutschen Übersetzung also bestehen, sogenannte sprechende Namen wurden eingedeutscht, um dem deutschen Leser ihre Bedeutung zu erschließen. Beispiele dafür sind „Winkelgasse“ für Diagon Alley, „Trolltreppe“ für Escapator, „Irrwicht“ für Boggart. Teilweise sind Klaus Fritz dabei grandiose Wortneuschöpfungen gelungen!

Fehlende Textstellen und Flüchtigkeitsfehler

Dazu muss man wissen, unter welchen Bedingungen manche Übersetzungen entstehen. Ich beziehe mich hier einmal auf meine eigenen Erfahrungen. Manchmal müssen wir aus Zeitgründen schon mit unfertigen Manuskripten beginnen, da sonst nicht genügend Zeit bis zum geplanten Erscheinen des Buches bleibt. Normalerweise gibt es dann am Ende einen Abgleich mit dem inzwischen fertigen Manuskript, um zu sehen, wo vom Autor noch Änderungen vorgenommen wurden. Wie ihr euch vorstellen könnt, ist das ein sehr fehleranfälliges Prozedere, das sich aber manchmal leider nicht vermeiden lässt. Auch der Zeitdruck auf den Übersetzer ist enorm. Wir sind alle nur Menschen, und nach mehrere langen Tagen und Wochen vor dem Bildschirm kommt es schon mal vor, dass man statt „oak tree“ (Eichenbaum) „old tree“ (alter Baum) liest. Tatsächlich wurden in den späteren Ausgaben der Bücher viele dieser Flüchtigkeitsfehler bereinigt.

Inkonsequente Bezeichnungen

Wisst ihr, was eine Serienbibel ist? So nennt man ein Dokument, in dem Autoren und Übersetzer festhalten, was für ihre Buchserie relevant ist. Zum Beispiel, wer ist mit wem per du, wie heißen verschiedene Einrichtungen und Institutionen, etc. Ich selbst führe auch welche, denn obwohl man anfangs glaubt, man könnte das alles gut im Kopf behalten — man tut es nicht. Und trotzdem passiert es immer wieder einmal, dass man sich vertut. Vielleicht liegt es daran, dass man ganz zum Schluss der Übersetzung den Namen noch einmal im gesamten Dokument geändert hat, oder die Lektorin hat eine Änderung vorgenommen. So wird erklärbar, warum Newt Scamanders Buch in den ersten Ausgaben noch „Sagentiere und wo sie zu finden sind“ heißt und erst später „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. Oder die beiden Drachenarten, die ursprünglich „Gemeiner Walisischer Gründrachen“ und „Hebridischer Schwarzdrache“ heißen und in „Phantastische Tierwesen“ zu „Gemeiner Walisischer Grünling“ und „Schwarzer Hebride“ werden. Und in Band 1 wird der Zauberspruch „Oblivate!“ noch mit „Amnesia!“ übersetzt.

Falsch übersetzte Gesten

Oha, wer schon einmal bei einem meiner Vorträge war, weiß, dass es sich hier um ein Lieblingsthema von mir handelt. 🙂 Ich bin nämlich der Meinung, dass man „englische“ Gesten nicht unbedingt immer wörtlich übersetzen muss oder sollte. Warum? Weil wir uns manchmal mit ganz anderen Gesten ausdrücken. Nehmen wir mal als Beispiel diesen Satz aus Band 1: „I – told – you‘, Hermione gasped, clutching at the stitch in her chest. ‚I – told – you.“ In der Übersetzung lautet er: „Ich – hab’s euch – gesagt‘, keuchte Hermine und griff sich an die Seite, wo sie ein Stechen spürte, ‚ ich – hab’s – euch – doch – gesagt.'“

Und wisst ihr was? Ich finde das absolut korrekt übersetzt! Denn so machen wir das, wenn wir schnell gelaufen sind — wir fassen uns in die Seite. Es heißt ja schließlich auch Seitenstechen, nicht Bruststechen. Sich-an-die-Brust-fassen wirkt dagegen eher merkwürdig und auch ein wenig dramatisch. Gleiches gilt für Mimik. Im Englischen werden überdurchschnittlich oft die Brauen hochgezogen, im Deutschen sieht man das eher seltener. Da ist es absolut legitim, das auch mal mit Stirnrunzeln zu übersetzen. Denn am Ende soll der Leser ja nur verstehen, welche Emotion hier beschrieben wird.

Meine eigene Kritik:

Ich persönlich habe eigentlich nur zwei Dinge zu beanstanden. Dazu möchte ich vorausschicken, dass ich es nicht mag, wenn man für eine Übersetzung die komplette Synonympalette von „sagen“ bemüht, nur um Wiederholungen zu vermeiden. Im Englischen ist es völlig normal, dass im Aussagesatz einfach „said“ als Begleiter der wörtlichen Rede steht. Natürlich kann man im Deutschen nicht jedes „said“ mit „sagte“ übersetzen, aber ich finde es auch nicht richtig, nur um der Abwechslung willen mit Verben wie „murmelte, raunte, kommentierte, bestimmte, führte ins Feld“, etc. etwas in den Text hineinzuinterpretieren, dass da vorher überhaupt nicht drin war. Die Botschaft sollte im Dialog stecken, nicht im Begleitwort. Trotzdem finde ich es in der Potter-Übersetzung unschön, dass hinter den Fragen auch „sagte“ steht, denn da gehört ein „fragte“ hin. Das ist sogar meinem Grundschüler aufgefallen, insofern ist es also keine berufsbedingte Nörgelei. 🙂

Was mir auch nicht gefällt: Das aus „Tom Marvolo Riddle“ im Englischen im Deutschen ein „Tom Vorlost Riddle“ wurde. Warum? Weil sich das Anagramm im Englischen zu „I am Lord Voldemort“ auflöst, im Deutschen hingegen zu „ist Lord Voldemort“. „I am Lord Voldemort“ — ich denke, so viel Englisch kann man dem deutschen Leser schon zutrauen. 🙂

Auf Niederländisch wurde aus Tom Marvolo Riddle übrigens Marten Asmodom Vilijn – „Mijn naam ist Voldemort“, und auf Französisch Tom Elvis Jedusor – „Je suis Voldemort“. Apropos: J.K. Rowling hat vor einigen Jahren auf Twitter verkündet, dass das „t“ in Voldemort stumm ist. Wisst ihr, warum? Weil es aus dem Französischen stammt: vol de mort, was so viel wie „Flucht vor dem Tod“ bedeutet. Kurioserweise wird es in den Filmen aber falsch ausgesprochen.

Wie steht ihr zu den Potter-Übersetzungen?

Die Fotos stammen übrigens von meinem Besuch in der Harry-Potter-Welt in Orlando.

 

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5 Comments

  • Reply
    Susanne
    September 18, 2018 at 5:56 am

    Endlich sagt‘s mal eine! (… die auch was davon versteht.) Mich regt diese Rumkrittelei an der angeblich ach so schlechten Übersetzung schon seit Jahren auf. Nachdem ich jetzt zum zweiten Mal alle 7 Bände vorgelesen habe, kann ich nur sagen: Die Übersetzung funktioniert. Sogar ganz fantastisch. Sie transportiert Spannung, Witz und Emotionen, wie es das Original auch tut. Gerade die Dialoge sind überwiegend sehr gut übersetzt, und das kann wirklich nicht jeder!

    Natürlich fallen einem auf 7 x 300-700 Seiten auch mal Ungereimtheiten auf (übrigens auch in der Geschichte selbst), ja meine Güte. Du hast ja schon sehr schön erklärt, woher solche inkonsequenten Übersetzungen kommen können – in meinen Augen Kleinigkeiten, die sich bei der nächsten Auflage problemlos korrigieren lassen. An ein, zwei Dingen, gebe ich zu, habe ich mich allerdings auch aufgehängt: Das mit dem Sagen ging mir auch auf die Nerven (und ich finde, ab und zu hätte man da durchaus auch mal ein Synonym einbauen können, es kam schon arg gehäuft vor), außerdem das ständige „nun“ für „well“ in den Dialogen (hab ich beim Vorlesen meist durch „tja“ oder „na ja“ oder „also“ ersetzt), Fritz‘ Genetivgebrauch (gern nachgestellt à la „sein Zauberstab und der Harrys“ – fiktives Beispiel, aber ich habe daraus überwiegend eine von-Konstruktion gemacht, klingt dann doch deutlich natürlicher im Deutschen) und eins meiner pet peeves: „Bist du OK?“ Kam nicht sehr oft vor, zugegeben, und da bin ich auch besonders empfindlich, andere stört das sicher nicht. Gut, die eine oder andere Formulierung stieß mir dann auch schon mal komisch auf, aber wie gesagt, über die Länge des Textes waren das verhältnismäßig wenige. Insgesamt lasse ich auf Klaus Fritz‘ Übersetzung aber nichts kommen, ganz überwiegend funktioniert sie wie gesagt einfach sehr gut.

    Mir fällt übrigens immer dasselbe Lied ein, wenn ich so ein ritualisiertes Übersetzerbashing lese, wo der Rezensent dann gerne mal zwei, drei weniger gelungene Stellen aus 600 Seiten rauspickt und damit die ganze Arbeit aburteilt. Da denke ich mir immer: „OK, vielleicht hättest du diese eine Stelle besser hingekriegt, aber auch die anderen 597 Seiten? Ich glaube ja nicht.“

    https://youtu.be/n0uCyAVbXZo

    • Reply
      Jeannette
      September 18, 2018 at 8:39 am

      Ich sehe das ganz genauso. Angesichts des Textumfangs und auch unter Berücksichtigung des enormen Zeitdrucks, unter dem die Übersetzungen entstanden sind, sollte man kleine Stolpersteine im deutschen Text unbedingt verzeihen. Was das „sagen“ angeht, habe ich den Verdacht, dass das generell häufig als Stilmittel eingestuft und deshalb im Deutschen so nachgebildet wird. Dabei ist es lediglich das Verb der ersten Wahl als „Dialogbegleiter“ in englischen Texten, dicht gefolgt von „ask“ und „request“. Im Englischen ist Wortwiederholung ja kein so großes Thema wie im Deutschen.

  • Reply
    Anne
    September 18, 2018 at 10:08 am

    Hallo zusammen,
    bin auch Literaturübersetzerin und habe in meiner Masterarbeit einen Übersetzungsvergleich zwischen der deutschen und der frz. Version von Harry Potter gemacht (alle sieben Bände). Und danach kann ich nur sagen: die paar Eindeutschungen sind wirklich gar nichts gegenüber der frz. Übersetzung! Ganz zu schweigen von Streichungen, hinzuzugefügten Erklärungen und (meiner Meinung nach) einem unpassenden Verhältnis von Siezen und Duzen.
    Klaus Fritz hat das super gemacht und schien wenigstens nicht das Bedürfnis zu haben, der noch „unreifen“ Autorin unter die Arme zu greifen oder – wie sein Kollege – für die frz. Kinder wirklich ALLES ins Französische bringen – mit dem Ergebnis, dass dann auf einem englischen Internat Leute wie Olivier Dubois (=Oliver Wood) rumlaufen…
    Aber das liegt auch an einer frz. Übersetzungstradition, die sich grundlegend von der deutschen unterscheidet – in Interviews fragten deutsche Journalisten Klaus Fritz denn auch, wie er denn die Entscheidung getroffen habe, bestimmte Namen zu übersetzen, es ginge ja schließlich um die englische Atmosphäre. Französische Journalisten dagegen lobten Jean-Francois Ménard für seine Kreativität bei all den Wortneuschöpfungen – ohne auch nur die ‚Französisierung‘ infrage zu stellen!
    Fremde Länder, fremde Sitten, auch beim Übersetzen! 😉

    • Reply
      Jeannette
      September 18, 2018 at 10:15 am

      Liebe Anne, wie spannend! Ja, andere Länder, andere Sitten. 🙂 Wie gesagt, die Niederländer haben dem Ganzen meiner Meinung nach die Krone aufgesetzt und insgesamt nur einen ganz geringen Bruchteil der Namen beibehalten. Dass man „Hogwarts“ auch ein bisschen entzaubert, wenn man es „Zweinstein“ (laut meiner DVD ausgesprochen „Sweinstein“) nennt, nur weil „Hog“ Schwein bedeutet, war da offenbar kein Kriterium. 🙂

  • Reply
    Anne
    September 19, 2018 at 12:06 pm

    Liebe Jeannette,
    ja, allerdings! 🙂
    Also, ich kann kein Niederländisch, insofern fehlt mir der direkte Vergleich, aber ich würde behaupten, genau das ist auf Frz. auch passiert. Kostprobe: Snape heißt ‚Severus Rogue‘, Neville Longbottom heißt Neville Londubat (= phonetische Transkription einer wörtlichen Übersetzung von ‚Longbottom‘) – und ja, aus Hogwarts wird ‚Poudlard‘. Hog = Schweinefleisch/Speck, also ‚lard‘; und bei „warts“, „verrues“ auf Frz., fand der Übersetzer den Klang nicht so stimmig und hat sich stattdessen für ‚poux‘, „Läuse“, entschieden.
    Für mich auch problematisch und irgendwie „entzaubernd“, gerade weil ja an dem Schulnamen so viel hängt, u.a. das Wappen und einfach der Wiedererkennungswert…naja, aber ich glaube, bei der Entscheidung hat eben auch mit reingespielt, dass anfangs niemand HP für einen Bestseller gehalten hat.

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